Das Internet stirbt – dieses Mal wirklich: Wie KI unsere digitale Wissensgrundlage bedroht
Eine neue Herausforderung für das Web
„Das Internet stirbt“ – diese Aussage taucht regelmäßig auf. Schon in der Vergangenheit wurde das Ende des Webs angekündigt: durch den Aufstieg von Apps, die Dominanz sozialer Netzwerke oder durch personalisierte Feeds, die den offenen Austausch verdrängt haben.
Doch diesmal ist die Bedrohung eine andere – und deutlich grundlegender.
Der aktuelle Wandel entsteht nicht nur aus neuen Nutzergewohnheiten, sondern aus einem tiefgreifenden technologischen Umbruch: Künstliche Intelligenz verändert das Netz auf inhaltlicher Ebene.
Wie KI das Internet grundlegend verändert
KI beeinflusst nicht mehr nur unsere Kommunikation, sondern auch die Frage, welche Inhalte überhaupt noch entstehen und wie sie veröffentlicht werden. Damit greift sie direkt in die Struktur der digitalen Wissensproduktion ein – mit Konsequenzen für die gesamte Informationskultur und für Unternehmen, die online sichtbar bleiben möchten.
KI erzeugt Inhalte – und leert das Internet gleichzeitig aus
In rasantem Tempo entstehen heute massenhaft Texte, Bilder, Videos und sogar komplette Websites per KI. Was früher durch zeitintensive redaktionelle Arbeit erstellt wurde, kann jetzt in Sekunden generiert werden.
Das klingt zunächst wie ein großer Effizienzgewinn – doch es birgt ein tiefreichendes Risiko:
Die KI frisst das Netz – und sich selbst.
Denn KI-Modelle lernen aus den Inhalten des Internets. Wenn dieses Internet zunehmend aus KI-generiertem Material besteht, entsteht ein gefährlicher Kreislauf:
- KI produziert Inhalte
- diese Inhalte landen im Web
- zukünftige KI-Systeme trainieren auf diesen künstlichen Inhalten
- die Informationsqualität sinkt weiter
Die Folge ist eine Erosion der digitalen Wissensbasis, auf die sowohl Nutzer*innen als auch Unternehmen angewiesen sind.
Eine im Fachjournal Nature veröffentlichte Studie von Ilia Shumailov (University of Oxford) zeigt, wie fatal das ist: Wenn KIs mit KI-generierten Daten trainiert werden, sinkt die Qualität der Inhalte rapide. Nach nur wenigen Trainingsrunden sind die Ergebnisse kaum noch verständlich. Dieses Prinzip – die Maschine lernt von sich selbst und wird dabei schlechter – droht zur Realität des Netzes zu werden.
Ähnlich verhält es sich in der Bildgenerierung mit dem sogenannten „Golden Retriever Effekt“; einem Phänomen in der KI-Bildgenerierung, bei dem durch wiederholtes Training mit bereits von KI erzeugten Bildern die Vielfalt zunehmend verloren geht. Ein Beispiel: Wenn eine KI anfangs mit Bildern verschiedener Hunderassen trainiert wird, kann sie diese gut nachbilden. Werden jedoch ihre eigenen Ergebnisse erneut als Trainingsbasis verwendet, dominiert nach und nach das, was am häufigsten und durchschnittlichsten war – etwa der Golden Retriever. Seltene oder ungewöhnliche Merkmale verschwinden, das Ergebnis wird monoton und austauschbar. Übertragen auf Text bedeutet das: Vielfalt, Nuancen und Tiefe gehen verloren. Die Konsequenz: eine digitale Verdummung.
Zugleich entstehen immer mehr Fake-Webseiten, die KI-generierten Content automatisiert veröffentlichen – oft ohne menschliche Kontrolle oder redaktionelle Qualitätssicherung. Was früher als „Spam“ abgetan wurde, erreicht nun ein neues Niveau an Relevanz, weil Suchmaschinen zunehmend Schwierigkeiten haben, menschliche von maschinellen Inhalten zu unterscheiden. Google etwa lieferte im vergangenen Jahr bei der Bildsuche nach „Tank Man“ – den anonym gebliebenen Mann, der weltweit bekannt wurde, weil er sich auf dem Tiananmen-Platz einer Kolonne von Panzern entgegenstellte – ein KI-generiertes Selfie als Top-Ergebnis.
Doch der strukturelle Schaden geht tiefer: Es gibt kaum noch Anreize, überhaupt echte Inhalte zu veröffentlichen. Wo einst Sichtbarkeit und Traffic lockten, sorgen heute KI-Zusammenfassungen (z. B. bei Google oder Bing) dafür, dass Nutzer gar nicht mehr auf die Ursprungsseiten klicken. Die ursprüngliche Win-win-Situation – „Inhalt gegen Aufmerksamkeit“ – droht zu kippen.
Wenn die Win-win-Situation kippt: Wie KI das freie Internet bedroht
Die ursprüngliche Balance „Inhalt gegen Aufmerksamkeit“ gerät ins Wanken
Über Jahrzehnte beruhte das Internet auf einer einfachen, aber wirkungsvollen Logik: Menschen und Unternehmen stellten Inhalte bereit – und erhielten im Gegenzug Aufmerksamkeit. Dieses Prinzip hat das Web groß gemacht, denn es motivierte Millionen von Nutzenden, Wissen, Meinungen und kreative Inhalte frei zugänglich zu teilen.
Doch mit dem massenhaften Einsatz von KI-generierten Texten und Bildern beginnt diese Win-win-Situation zu kippen. Immer weniger hochwertige Inhalte gelangen in die Öffentlichkeit, während gleichzeitig minderwertige KI-Beiträge das Netz überfluten. Dadurch verliert der Austausch zwischen Nutzern, Expert*innen und Content-Produzierenden zunehmend an Wert.
Wie hochwertiger Content hinter Paywalls verschwindet
Eine zentrale Folge dieser Entwicklung ist die wachsende Verschiebung von Qualität hinter Bezahlschranken. Immer mehr Autorinnen, Journalistinnen, Forscher*innen und Kreative veröffentlichen ihre Inhalte nicht mehr frei zugänglich, sondern nur noch auf Plattformen wie:
- Substack
- Patreon
- Verlagsportalen
- digitalen Fachmagazinen
Dieser Trend entsteht nicht zufällig:
Viele wollen ihre Inhalte schützen – sowohl vor unkontrolliertem KI-Scraping als auch vor der Verwässerung durch massenhafte KI-Texte, die auf offenen Plattformen kursieren.
Offene Plattformen geraten unter Druck
Besonders betroffen sind eigentlich frei gedachte Plattformen wie:
- Wikipedia
- offene Diskussionsforen
- Q&A-Communities
Diese Seiten melden seit einiger Zeit das gleiche Problem:
KI-generierte Texte minderer Qualität fluten ihre Plattformen.
Das führt zu mehreren fatalen Entwicklungen:
- Inhalte verlieren an Vertrauenswürdigkeit.
- Moderation wird schwieriger und teurer.
- Echte Beiträge geraten zwischen automatisch erzeugter Masse unter.
- KI-Scraper sammeln wiederum diese minderwertigen KI-Inhalte ein –
und trainieren damit neue Modelle.
So entsteht ein Teufelskreis, an dessen Ende das frei zugängliche Internet zu einer Art Müllhalde maschinell erzeugter Texte verkommen kann.
Warum das Internet dadurch „dümmer“ wird
Wenn KI immer mehr KI-Texte als Vorlage nutzt, verschlechtert sich die Informationsqualität schrittweise.
Das Netz verliert nicht nur seinen Wissenswert, sondern auch seine Funktion als verlässliche Grundlage für Bildung, Recherche und gesellschaftliche Orientierung.
Für Nutzer*innen bedeutet das:
Sie finden immer weniger geprüfte, fundierte Informationen – und müssen gleichzeitig mehr Aufwand betreiben, um zwischen echter Expertise und KI-Lärm zu unterscheiden.
Das Prinzip des freien Internets steht auf dem Spiel
Durch Paywalls und KI-Müll droht eines der wichtigsten Grundprinzipien des Webs verloren zu gehen: das Internet als offen zugänglicher, demokratischer Marktplatz der Ideen. Früher war das Netz ein Raum, in dem sich Menschen weltweit vernetzen konnten – ohne hohe Kosten, ohne Barrieren und ohne Gatekeeper. Dieses fast schon habermasianische Ideal eines freien Diskursraums scheint jedoch zu schwinden.
Denn wenn hochwertige Inhalte hinter Bezahlschranken verschwinden und öffentliche Plattformen gleichzeitig mit KI-Texte überladen werden, entsteht ein gefährlicher Zustand:
- Wissen wird exklusiver.
- Öffentliche Diskussionen werden oberflächlicher.
- Der offene Austausch, von dem Produzenten wie Konsumenten profitierten, bricht weg.
Das Ergebnis: Ein fragmentiertes Internet
Das freie Web verwandelt sich zunehmend in zwei getrennte Bereiche:
- Geschlossene Räume voller hochwertiger Inhalte
– geschützt, exklusiv, zunehmend teuer. - Ein öffentlicher Bereich voller KI-Output
– massenhaft, inhaltsleer und schwer zu moderieren.
Diese Fragmentierung zerstört Stück für Stück die Vielfalt, die Offenheit und die kollaborative Struktur, die das Internet einst so revolutionär gemacht haben.
Eine Verarmung des Internets mit Folgen für Unternehmen
Die Lage ist paradox: Noch nie war es so einfach, Inhalte zu produzieren – und doch war die Substanz des Internets selten so bedroht wie heute. Die Qualitätsspirale nach unten, ausgelöst durch selbstreferenzielle KI-Systeme, könnte schon in wenigen Jahren drastische Auswirkungen haben. Die Kombination aus sinkender inhaltlicher Qualität im freien Netz und wachsender Abschottung hochwertiger Inhalte hinter Paywalls droht die ursprüngliche Idee des Internets zu zerstören.
Für Unternehmen hat das weitreichende Konsequenzen:
Wer auf digitale Sichtbarkeit setzt, muss künftig noch sorgfältiger zwischen Reichweite und Relevanz abwägen. Glaubwürdigkeit, menschliche Perspektiven und transparente Quellen werden zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal. Gleichzeitig braucht es neue Kommunikationsstrategien, um im KI-geprägten Informationsraum sichtbar und vertrauenswürdig zu bleiben.
Wer als Marke nicht im Meer aus inhaltslosem KI-Rauschen untergehen will, muss heute mehr denn je in echte Inhalte investieren – und den Dialog mit echten Menschen suchen.